"Kannibalisierungs-Unkenrufe mit Vorsicht zu geniessen"

Ompex lanciert einen Batteriespeicher-Index für die Schweiz. Christian Burghardt leitet beim Energiedienstleister mit Sitz in St. Gallen und Zürich den Bereich Analytics Desk. Im Interview erklärt er, was sich aus dem neuen BESS-Index ablesen lässt und welche Entwicklungen er für den Schweizer Grossspeichermarkt aufzeigt.

energate: Herr Burghardt, was genau bildet der "BESS Index Schweiz" von Ompex ab?

Burghardt: Unser BESS-Index bildet ein realistisches Bild der Erlösmöglichkeiten für BESS einer Mindestgrösse von 1 MW in der Schweiz ab. Berücksichtigt werden die Erlösmöglichkeiten des Day-Ahead-Marktes (DA), der Intraday-Continuous-Märkte (IDC) sowie der Regelenergieprodukte Primärregelung (FCR) und Sekundärregelung (aFRR) der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid. Zusätzliche Einnahmepotenziale wie Peak Shaving, um Netzkosten zu senken, sind dabei nicht berücksichtigt. Der Index beinhaltet nicht die Kostenseite wie technische Wartung oder Vermarktungsgebühren. Wir berücksichtigen BESS-Dimensionierungen von einer Stunde sowie von zwei und vier Stunden.

Der Index basiert auf öffentlich zugänglichen Daten. Die DA-Preise und IDC-Deals der Epex Spot bilden die Grundlage der DA- und IDC-Revenues. Für die aFRR- und FCR-Erlöse greifen wir auf die Merit-Order-Daten und -Abrufe der Swissgrid und der Transparency Platform von Entso-E zu. So ergibt sich ein Index, der transparent und nachvollziehbar ist. Unser Ziel ist es, dem Markt ein klares Verständnis zur Rentabilität möglicher Speicherinvestitionen zu geben. In einem Energiemarkt mit vielen Erneuerbaren und insbesondere Photovoltaik braucht es flexible, steuerbare Kapazität. Gleichzeitig ist die Spanne der Zahlen, die kursieren, sehr gross und sorgt teilweise eher für Verunsicherung.

energate: An wen richtet sich der Index?

Burghardt: Er richtet sich an Energieversorger, Grossverbraucher sowie Betreiber von Grossspeichern, Direktvermarkter und andere Marktteilnehmer, die einen grossen Batteriespeicher an den unterschiedlichen Märkten einsetzen möchten. Der Index richtet sich nicht an Kunden, die ihren Heimspeicher aktuell hauptsächlich zur Eigenverbrauchsoptimierung einsetzen.

Wir stellen den Index auf www.ompex.ch kostenlos online und aktualisieren ihn täglich. Eine detaillierte Aufschlüsselung auf unterschiedliche Märkte und weitere, interessante Informationen finden sich zudem im User-Bereich unserer Plattform www.stromportfolio.ch. Dort schalten wir auch Grafiken zur Saisonalität und den täglichen Cross-Market-Potentials auf.

energate: Lassen sich aus Ihrem Index bereits bestimmte Entwicklungen hinsichtlich BESS-Erlösen in der Schweiz ablesen?

Burghardt: Unser Index gewichtet derzeit besonders Primär- und Sekundärregelreserve stark. In diesem Sektor kann man aktuell in der Schweiz am meisten Geld verdienen. Das Ziel des Index ist es, Marktentwicklungen transparent aufzuzeigen und Erlöspotenziale ableiten zu können. Bei regelmässiger Nutzung des Index werden Entwicklungen offensichtlich und Investitionsentscheidungen können gezielt und mit aktuellen Informationen getroffen werden. Bei hohem Interesse werden zukünftig eventuell noch weitere Märkte wie der Tertiärregelenergiemarkt hinzugenommen. Damit können Nutzer noch besser abschätzen, in welchen Märkten Batteriespeicher gewinnbringend eingesetzt werden können.

Bei den Erlöspotenzialen sehen wir in der Schweiz eine hohe Saisonalität parallel zur PV-Erzeugung. Unkenrufe im Spätherbst und Winter, dass die BESS-Kannibalisierung schon jegliche Investition unattraktiv macht, sind also mit Vorsicht zu geniessen. Dennoch sind die Erlöse verglichen mit der Energiekrise 2022/23 stark zurückgegangen: Während der durchschnittliche Index für eine Zwei-Stunden-Batterie der Cross-Market-Vermarktung 2023 noch bei rund 445.000 Euro/MW/Jahr lag, belief er sich für das Jahr 2025 auf rund 240.000 Euro/MW/Jahr. Nimmt man die letzten 365 Tage in den Blick, sank dieser Index auf rund 130.000 Euro/MW/Jahr.

energate: Was steckt hinter dieser Erlösentwicklung?

Burghardt: Während der Energiekrise waren die Sekundärregelleistungspreise stark erhöht - getrieben von hohen Termin- und Spotpreisen. Diese hohen Leistungspreise wurden durch vorgezogene Beschaffungen der Swissgrid länger mitgezogen, als das reine Marktniveau der Energiepreise impliziert. Mit der Beruhigung der Energiepreise gingen dann auch etwas verzögert die Leistungspreise zurück.

Zusätzlich gibt es zwei Treiber in der Schweiz, die zum Rückgang der BESS-Einnahmen führen: Das ist zum einen der temporäre Preisdeckel von 1.000 Euro/MWh in der Sekundärregelarbeit. Zum anderen wirken sich die allgemein geringeren Abrufmengen der Regelenergie aus. Letzteres ist eine Folge der Einführung des Einpreismodells der Swissgrid bei der Ausgleichsenergie.

energate: Der Regelenergiemarkt bleibt aber dennoch attraktiv?

Burghardt: Ja, man kann momentan auf dem Regelenergiemarkt immer noch Geld verdienen. Wir sehen einfach diesen Shift, der sich abzeichnet: Die Regelenergieeinnahmen sinken, dafür werden andere Märkte langsam attraktiver. Letztere sind allerdings absolut gesehen noch nicht so attraktiv wie die Sekundärregelenergie.

In Deutschland etwa sieht man bereits, dass es nicht mehr einfach ein Markt ist, sondern unterschiedliche Märkte, die man von Woche zu Woche, von Tag zu Tag optimiert. Und darauf werden wir mit unserem Index auch in der Schweiz reagieren. Diese anderen Märkte wären etwa Primärenergie sowie vor allem der Intraday-Markt.

energate: Sie haben vorhin die Situation in Deutschland angesprochen. Dort gibt es BESS-Indizes ja bereits länger: Warum lanciert Ompex seinen erst jetzt?

Burghardt: Es gibt bereits laufende Berechnungen zu Erlöspotenzialen von BESS in der Schweiz. Diese haben aber eine andere Zielgruppe und sind nicht kostenlos einsehbar. Wir haben ein verstärktes, breiteres Interesse unserer Kunden in der letzten Zeit festgestellt.

Deutschland ist mit der höheren Durchdringung der volatilen Erneuerbaren, dem sehr liquiden Intraday-Markt und dem starken Rückgang von steuerbarer, konventioneller Kraftwerkskapazität seit Jahren ein sehr interessanter Entwicklungsmarkt für Speicher.

Der Schweizer Markt ist im Vergleich zu Deutschland etwas speziell, unter anderem führen der kleinere, fragmentiertere Markt, die eingeschränkte Liquidität am Intraday-Markt und die längeren Laufzeiten der Regelleistungsprodukte zu einer schwierigeren Vermarktung von einzelnen Anlagen. Es galt lange die Überzeugung, dass Pumpspeicher die nötige Flexibilität am Markt bieten können. Mit dem Solarboom infolge der Energiekrise hat sich dieses Bild geändert.

energate: Ganz zu Beginn haben Sie erwähnt, dass aufgrund des Zubaus an Speicherleistung in letzter Zeit vor einer möglichen Kannibalisierung gewarnt wird: Hängt die jetzige Lancierung Ihres Index auch damit zusammen?

Burghardt: Wir sehen, dass sich der Markt mit den dezentralen, erneuerbaren Energieanlagen verändert und dass Batteriespeicher dafür eine Lösung anbieten. Immer mehr Kunden von uns beschäftigen sich aktuell mit Batteriespeichern und wir möchten mit dem Index dieses Thema breiter zugänglich und transparenter machen.

Kannibalisierung tritt dann auf, wenn Anlagen sich gegenseitig anfangen zu konkurrenzieren, individuell pro Markt. Aktuell sehen wir das nur in sehr eingeschränktem Masse. Aber vor allem im Regelenergiemarkt, in dem die bezuschlagte Menge begrenzt ist, wird das in den nächsten Jahren ein Thema werden.

Quelle: https://www.energate-messenger.ch/news/263257